Nadelöhr im Strommarkt
Grenzkuppelstellen verstopfen europäischen Energiehandel

Kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft wählt EU-Energiekommissar Günther Oettinger eine passende Sprache für seine Botschaft eines integrierten Markts: Der in britischen Nordsee-Windparks produzierte Strom müsse „zum richtigen Zeitpunkt dorthin kommen, wo er benötigt wird – nach Hamburg oder ins Ruhrgebiet oder nach Lyon“. Er müsse „abrufbar sein, wenn in Dortmund die Nachtschicht beginnt oder Borussia in die Verlängerung geht“.
Dazu, so Oettinger, fehle es in Europa jedoch an Grenzkuppelstellen, die ein europäischer Binnenmarkt benötige. Die fehlenden Investitionen für den Strom- und Gasmarkt zum Ausbau der Infrastruktur, schätzt der Kommissar auf „einen hohen dreistelligen Milliardenbetrag“.
Künstliche Engpässe
„Dem europäischen Strombinnenmarkt stehen zahlreiche Kapazitätsengpässe an der deutschen Grenze entgegen“, urteilt Justus Haucap, der als Vorsitzender der Monopolkommission die Bundesregierung in Wettbewerbsfragen berät. Haucap, Ökonomieprofessor an der Universität Düsseldorf, plädiert für den Ausbau der Grenzkuppelstellen zwischen den nationalen Stromnetzen: „Bisher haben die Stromanbieter den Ausbau dieser Nahtstellen vernachlässigt und so künstlich Engpässe geschaffen.“
Gemeint sind damit die großen Vier des deutschen Strommarkts: Eon, RWE, Vattenfall und EnBW. Sie erzeugen allein 85 Prozent des in Deutschland verbrauchten Stroms und verfügen damit über eine marktbeherrschende Stellung. „Auch zwölf Jahre nach der Liberalisierung des Strommarkts kann nicht von einem funktionierenden Wettbewerb gesprochen werden“, bilanziert Haucap.
EU-Strombinnenmarkt
Beheben ließe sich diese Vormachtstellung durch eine Öffnung des deutschen Energiemarkts gegenüber ausländischen Anbietern. „Ein funktionierender Energiebinnenmarkt in Europa benötigt einfachen Stromtransport über die Grenzen hinweg“, heißt es dazu auf den Internetseiten des Bundeswirtschaftsministeriums.
Folgendes physikalisches Problem liegt der Situation zugrunde: Für die Stabilität des Stromnetzes ist ein permanenter Ausgleich von Angebot und Nachfrage notwendig. Dabei wäre Stromhandel über die Landesgrenzen hinweg sehr vorteilhaft – zumal das Speichern von Strom hierzulande nach wie vor schwierig ist. Die größten Speicherkapazitäten gibt es momentan in den Pumpspeicherwerken, wie sie vermehrt in den Bergen Österreichs zur Verfügung stehen. Bei einem Stromüberangebot wird Wasser in ein höher gelegenes Becken gepumpt und bei Bedarf wieder abgelassen. Die durch Wasserkraft angetriebene Turbine wandelt die Bewegung mit einem Wirkungsgrad von 70 Prozent erneut in Strom.
Interessen des Grenzhandels
Der Grenzübergang nach Österreich ist der einzige mit ausreichenden Kapazitäten. „Es gibt hier konkrete ökonomische Interessen, den Strom in Pumpspeicherkraftwerken zwischenzuparken“, erklärt Gero Lücking, Vorstand des Hamburger Ökostromanbieters Lichtblick. Bei allen anderen Grenzkuppelstellen in Deutschland sieht das anders aus: Hier herrschen Netzengpässe, zumindest nach dem Urteil der für Strom-und Gasleitungen zuständigen Bundesnetzagentur in Bonn. Die großen Vier halten dagegen. Ein EnBW-Sprecher erklärt auf Nachfrage von energlobe.de: „Der Stromhandel funktioniert an allen Grenzen gut.“
Diesen Tenor spiegelt auch die von RWE in Auftrag gegebene Studie der European School of Management and Technology wieder. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass der grenzüberschreitende Stromhandel funktioniere – und sich als Folge davon die Großhandelspreise für Strom in Frankreich, Belgien, Deutschland und den Niederlanden angenähert hätten: „Die Integration der Märkte ist weiter fortgeschritten – wenngleich nicht abgeschlossen.“
Wie kommt Wettbewerb in den Markt?
Dennoch könnte bald Bewegung in den starren Strommarkt kommen. Eon hat sein Netz an den niederländischen Netzbetreiber Tennet verkauft und Vattenfall seines an den belgischen Staatskonzern Elia. Beide Neueigentümer sind an möglichst hohen Renditen interessiert und werden den Stromaustausch an der deutschen Westgrenze vermutlich stark forcieren. Ein Sprecher von Tennet bestätigte, dass eine vierte Kuppelstelle an der deutsch-niederländischen Grenze im Bau sei und in etwa zwei Jahren genutzt werden könnte. Darüber hinaus wären weitere Übergänge in Planung. Der europäische Strommarkt könnte demnach auch ohne Eingriffe durch die Bundesnetzagentur zusammenwachsen.
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