Megatrend Schiefergas
In den USA boomt die Exploration

Scheinbar mühelos dringt die Sonde des Gasbohrers ins Erdreich. Der steuerbare Bohrkopf, der sich bis zu 6.000 Meter tief in das dichte Gestein vorarbeiten kann, ist das Herzstück der modernen Exploration: Wird in der Tiefe eine gashaltige Schieferschicht entdeckt, wühlt sich die Bohrsonde über mehrere Kilometer horizontal weiter. Dann werden unter großem Druck Wasser, Sand und chemische Lösungsmittel in die Erde gepumpt. So wird das Schieferflöz hydraulisch aufgebrochen, das Gas kann ausströmen und an der Erdoberfläche abgefangen werden.
Förderboom in den USA
In den Vereinigten Staaten haben diese neuen Fördermethoden die Erschließung vormals unkonventioneller Ressourcen rentabel gemacht und einen regelrechten Boom ausgelöst. Experten sprechen bereits von einer Gasschwemme und sogar Gasrevolution, die den internationalen Energiemarkt gehörig durcheinander bringen könnte. Tatsächlich haben die USA mit neu entdeckten Vorkommen wie dem Marcellus Feld, das sich unter den Appalachen von Virginia bis in den Staat New York ausdehnt, Russland vom Platz 1 der weltweiten Gasproduzenten verdrängt.
Die USA sind auch Vorreiter bei der Erschließung des Schiefergases. Bereits vor 20 Jahren begann dort die technische Entwicklung, die kommerzielle Förderung folgte vor etwa zehn Jahren. „Laut aktueller Studien stammen bereits zwölf Prozent des in den USA geförderten Erdgases aus Schiefer“, bestätigt Sven Pusswald, Sprecher des österreichischen Öl- und Gaskonzerns OMV. Ein weiterer Anstieg auf 20 Prozent wird für die nächsten Jahre erwartet.
Schieferschätze in Deutschland
Auch in Europa erkunden die großen Öl- und Erdgaskonzerne potentielle Schiefergas-Vorkommen. Die Nutzung der alternativen Energiequelle könnte angesichts steigender Energiepreise und knapper Ressourcen die Abhängigkeit Europas von russischem Gas verringern. Exxon Mobil ist bereits in Niedersachsen und Polen aktiv, Shell hat in Schweden mit Suchbohrungen begonnen. Die internationale Energieagentur IEA schätzt, dass in Europa 50 Billionen Kubikmeter gefördert werden können.
Wie groß die Schiefergas-Vorkommen tatsächlich sind, lasse sich aber noch nicht eindeutig bestimmen, erklärt Norbert Stahlhut, Upstream-Experte bei Exxon Mobil. Das Unternehmen hat bereits 2008 erste Bohrungen und seismographische Untersuchungen vom niedersächsischen Schaumburg bis hin zur holländischen Grenze durchgeführt. Die Exploration ist teuer: eine Probebohrung kostet rund 15 Millionen Euro, einfache Kernbohrungen zur Entnahme von Gesteinsproben zwei Millionen Euro.
Exploration bald in Europa?
Welche geologischen Potenziale in Europa allgemein und auch in Deutschland vorhanden sind, untersucht seit Mai 2009 auch der Forschungsverbund „Gas Shales in Europe“ (GASH). Brian Horsefield und Hans-Martin Schulz vom Geoforschungszentrum in Potsdam koordinieren die Grundlagenforschung, an der verschiedene geologische Institute und Universitäten in Europa beteiligt sind. Öl- und Gasunternehmen finanzieren das Projekt seit 2009, zunächst für drei Jahre. Die Wissenschaftler sollen mögliche Schiefergas-Lagerstätten europaweit kartografisch erfassen, als Basis für spätere Produktion.
Mit einem Förderboom wie in den Vereinigten Staaten rechnet Schulz jedoch nicht: „Europa hat eine gänzlich andere geologische Geschichte“. Das Gas lagere in den undurchlässigen Gesteinsschichten des Schwarz- und Tonschiefers, daher sei die Förderung schwieriger als beispielsweise in den USA. Die Exploration ist bohrintensiv und es werden große Wassermengen für die hydaulischen Gesteinssprengungen benötigt. Außerdem fehle es vor allem an Logistik und Know How. Zum Vergleich: In den USA gibt es aktuell 1.000 Bohranlagen, in Deutschland gerade einmal 40. Hinzu kommen noch ungelöste Probleme wie die umweltverträgliche Entsorgung der stark salzigen Wassermengen, die bei der Flutung der Bohrlöcher entstehen.
Während Brancheninsider in den Vereinigten Staaten davon ausgehen, dass sich die Energieressource Schiefergas zu einem riesigen Wachstumsmarkt entwickeln könnte, ist man auf europäischem Terrain vorsichtiger. „Die Erwartungen an Schiefergas sind zu hoch“, erklärt OMV-Experte Pusswald: „Das Geschäft in den Bereichen Exploration und Produktion ist grundsätzlich langfristig, kapitalintensiv und risikoreich.“ Schließlich bringe nicht jede Bohrung auch einen Fund. Die OMV habe daher all ihre Schiefergas-Probebohrungen im Wiener Becken vorläufig eingestellt.
Weitere Informationen
Abriss zum Schiefergasmarkt von Brian Horsefield und Hans-Martin Schulz, GTZ-Potsdam (pdf-Dokument)